Stand: 24.11.2025

VEB Funkwerk Köpenick



Die Geschichte des VEB Funkwerk Köpenick ist im Internet recht gut dokumentiert.
Daher möchte ich bitten bei Interesse die Suchmaschine des geringsten Mißtrauens mit entsprechenden Suchbegriffen zu befragen.

Von Interesse sind vielleicht die Publikationen des VEB Funkwerk Köpenick anläßlich 30 Jahre VEB Funkwerk Köpenick und 40 Jahre Funkwerk Köpenick.

Interessant ist vielleicht die Geschichte zur Weiterentwicklung des Telefonnetzes in Mexiko, die in der Berliner Zeitung vom 15.05.2010 veröffentlicht wurde.

Hier der Artikel:

Berliner Zeitung, 15.05.2010

Das einzige Handy der DDR

Erich Honeckers Ingenieure waren wirklich innovativ, zumal in Mexiko. Dort bauten sie das erste Telefonfunknetz des Landes

Erich Honecker strahlt. Immerhin besucht er nun zum dritten Mal als Staatsgast ein Land, das nicht unter dem Einfluss Moskaus steht. Entsprechend gut gelaunt ist er - selbst als ihn Carlos Gonzales, der Bürgermeister von Mexiko-Stadt, als "Staatsratspräsidenten der Bundesrepublik Deutschland" bezeichnet. Mit den geopolitischen Feinheiten Europas kann ja nicht jeder vertraut sein. Honecker übersieht diesen Lapsus großzügig, weil Gonzales ihm die Ehrenbürgerschaft der mexikanischen Hauptstadt verleiht.

Doch Honeckers Besuch in Mexiko 1979 ist nicht nur eine Sache des Prestiges. Beide Länder haben handfeste wirtschaftliche Interessen. Erich Honecker ist auf der Suche nach neuen Absatzmärkten, um an Devisen zu kommen. Und Mexikos Präsident López Portillo will die Infrastruktur des Landes modernisieren. Dass die DDR vor allem in Sachen Kommunikationstechnik dem Entwicklungsland einiges bieten kann, ist bei Honeckers Staatsbesuch für jeden erkennbar. Höhepunkt der Reise ist am 12. September die Einweihung des größten Seefunkzentrums in Lateinamerika, gebaut vom VEB Funkwerk in Berlin-Köpenick.

Dank des Funksendezentrums in Nopaltepec, nahe der mexikanischen Hauptstadt, ist für Mexiko nun praktisch jedes Schiff auf den Weltmeeren erreichbar. Weil zur Eröffnung des Zentrums natürlich gesendete Gespräche gehören, spricht Honecker mit dem Kapitän des DDR-Handelsschiffs "Freyburg", das zu dieser Zeit vor Kuba ankert. Der Kapitän richtet seine Glückwünsche zum erfolgreichen Staatsbesuch aus, wie das Neue Deutschland tags darauf meldet. Honecker antwortet gewohnt steif und sozialistisch-bürokratisch: "Die Ergebnisse sind in der Tat ganz ausgezeichnet und werden dazu beitragen, die Beziehungen zwischen unseren Ländern zu vertiefen."

Nach Erich Honecker ist Präsident López Portillo an der Reihe. Auch er spricht zunächst mit dem Kapitän eines mexikanischen Schiffes. Danach jedoch telefoniert er über eine normale Telefonleitung mit dem Gouverneur des Bundesstaates Guerrero, Cervantes Delgado. Was unspektakulär klingt, ist Teil einer sorgfältigen Inszenierung, denn der Gouverneur sitzt in einem abgelegenen Bergdorf, ohne jeden Anschluss an das Telefonnetz. Dass Cervantes Delgado dennoch mit seinem Präsidenten sprechen kann, dafür hat ebenfalls das Funkwerk Köpenick gesorgt. Das Ost-Berliner Unternehmen hat in Guerrero nämlich ein Telefonfunknetz installiert. ähnlich heutigen Mobilnetzen, nur viel kleiner und natürlich analog.

Dass dieses Funknetz im September 1981 tatsächlich funktionieren würde, daran glaubte 18 Monate vorher in Berlin-Köpenick niemand, auch nicht Gottfried Schuppang, der die Entwicklungsabteilung im VEB Funkwerk Köpenick leitete. Doch ein hochrangiger Vertreter des Ministeriums für Elektrotechnik und Elektronik, der mit den Mexikanern über das Seefunkzentrum in Nopaltepec verhandelte, versprach ebenso Unterstützung bei der Einrichtung von lokal begrenzten Funknetzen, um abgelegene Ortschaften an das mexikanische Telefonnetz anzuschließen. Heute kann Schuppang über die Geschichte lachen, damals bereitete sie dem Ingenieur schlaflose Nächte. Schließlich hatte die DDR so etwa noch nie produziert.

Doch die Aussicht auf gute Geschäfte mit den Mexikanern war einfach zu verlockend. Das Land hatte neue ölquellen erschlossen und verfügte über viele Petrodollars. Gleichzeitig waren fast Hunderttausend kleinere Orte nicht an das Telefonnetz angeschlossen. Das wollten die Mexikaner ändern. Die Verlegung normaler überlandleitungen war jedoch keine Option: Einerseits hielten die Leitungen nicht den häufigen Erdbeben stand, andererseits waren sie begehrtes Diebesgut. Schließlich ließen sich die Drähte hervorragend für Weidezäune zweckentfremden. Da die Satellitentechnik noch in den Kinderschuhen steckte, blieb nur die Funklösung.

Die DDR verspricht also, dass sie den Mexikanern ein Pilotnetz für den Bundesstaat Guerrero entwickelt. Und an Gottfried Schuppang ist es, dieses Versprechen einzulösen und damit der DDR eine Blamage zu ersparen. Nachdem sich das erste Entsetzen über diesen Auftrag bei dem Ingenieur gelegt hat, macht er sich an die Erstellung eines konkreten Angebots, das er den Mexikanern vorlegt. Praktisch aus dem Nichts projektiert Schuppang in nur wenigen Wochen ein kleines Funknetz und errechnet einen Lieferpreis. "Eigentlich war das Hochstapelei, aber ich traute den Mitarbeitern im Funkwerk die Entwicklung zu", sagt der heute 83-jährige Sachse. Die Mexikaner sind ganz angetan von seinen Plänen und erteilen den Auftrag.

Das Netz soll in 18 Monaten geliefert und installiert sein. Dieser Termin fällt mit Honeckers bereits geplantem Staatsbesuch zusammen. Und das erleichtert für Gottfried Schuppang die weitere Arbeit enorm, denn das Funknetz hat damit in der DDR allerhöchste Priorität. So können etwa zwei Forderungen des Funkwerks durchgesetzt werden, die unter normalen Umständen kaum genehmigt worden wären. Alle Bauteile, die in der DDR nicht zu beschaffen sind, dürfen für das Projekt importiert werden. Auch wenn sie aus dem kapitalistischen Ausland kommen und Devisen kosten. Und Gottfried Schuppang kann für die Installation in Mexiko das Personal einsetzen, das er für richtig hält, "ohne dass von der Stasi Einsprüche erhoben werden konnten, etwa weil die Mitarbeiter Verwandte im Westen hatten".

Die am Bau des Funknetzes Beteiligten arbeiten wie besessen, ohne auf den Feierabend zu schauen, ohne nach Bezahlung von überstunden zu fragen. Es gibt ein Ziel, das sie erheblich stärker motiviert, als die Aussicht auf sozialistische Planerfüllung: Acapulco. Der mexikanische Bundesstaat Guerrero besteht nämlich nicht nur aus bergigem Hinterland. In ihm liegt auch diese Stadt, deren Name in den Ohren eingesperrter DDR-Bürger überaus wohlklingend ist. Jeder Mitarbeiter hofft also, nicht nur bei der Installation des Netzes in Mexiko dabei zu sein, sondern auch die berühmte Stadt kennen zu lernen.

Nach nur 17 Monaten Entwicklungs- und Bauzeit ist das erste Telefonfunknetz der DDR fertiggestellt. So bleibt sogar noch Zeit zur Erprobung in Köpenick. Im Funkwerk steht die Basisstation, die Telefone, im Fachjargon Teilnehmerstationen genannt, werden zu einigen Mitarbeitern nach Hause gebracht. Gottfried Schuppang ist als Entwicklungsleiter natürlich einer von ihnen. Wenn er den Hörer abnimmt, wird sein Gespräch zunächst zur Basisstation gefunkt, wo es dann in das normale Telefonnetz eingespeist wird - ohne Qualitätsverlust. Wer angerufen wird, merkt nichts davon, dass nicht ausschließlich über Leitung telefoniert wird. Das macht es auch der Stasi leichter. Denn die überwacht natürlich den gesamten Testlauf, muss aber nur die gefunkten Gespräche abhören. So ist auch kein Knacken in der Leitung zu vernehmen, das die Mithörer vom MfS sonst verrät.

Als Name für das Funknetz wählt Gottfried Schuppang die Abkürzung URTES, für UHF-Radio- Telefonie-System, "weil das auch gut in den Ohren der spanisch sprechenden Mexikaner klang".

Die Errichtung des Netzes im Bundesstaat Guerrero ist ein voller Erfolg. Die Basisstation wird auf einem Berg installiert und schließt damit die Dörfer im Umkreis von 40 Kilometern an das Telefonnetz an. Allerdings ist das Netz begrenzt auf maximal 120 Teilnehmer. Privatanschlüsse lassen sich damit nicht realisieren. Aber das ist 1981 auch nicht beabsichtigt. Die Telefongeräte sollen vor allem für Notfälle dienen und stehen deshalb meist bei den Bürgermeistern der jeweiligen Dörfer. Das URTES- Telefonnetz wird zu einem kleinen Exportschlager. Weitere mexikanische Bundesstaaten kaufen das System. Als ein mexikanischer Gouverneur fragt, ob man auch ein mobiles Telefongerät für sein Auto entwickeln könnte, produziert das Funkwerk auch das. Damit ist das erste und einzige "Handy" der DDR geboren.

URTES wird noch in weitere Länder geliefert, etwa nach Algerien und Mosambik. überall, wo weit abgelegene Ortschaften an das Telefonnetz angeschlossen werden sollen, ist es ein effektives und kostengünstiges System. Doch die weitere technologische Entwicklung macht URTES irgendwann überflüssig. Mit der Satellitentechnik steht bald eine qualitativ hochwertige und kostengünstige übertragungsart zur Verfügung. Einmal noch wird URTES auch in Berlin kurz eingesetzt, zur Wendezeit. Als 1990 der Bedarf an Telefonen wegen der vielen Gewerbeanmeldungen rapide steigt, setzt man das Funknetz in Köpenick in Betrieb und hilft damit die Lage etwas zu entspannen.

Obwohl das Funkwerk Köpenick in der DDR zu den modernsten Unternehmen zählt, überlebt es den übergang zur Marktwirtschaft nicht. Gottfried Schuppang arbeitet nach der Wende noch eine Zeit im Betriebsteil Dabendorf in Brandenburg als technischer Leiter. Dann geht er in Rente. Nur das Werk Dabendorf existiert noch und bildet heute mit einem weiteren ehemaligen DDR-Betrieb aus dem thüringischen Kölleda den Kern der an der Börse notierten Funkwerk AG. Das Unternehmen hat sich vor allem auf Kommunikationstechnik für den Straßen- und Schienenverkehr spezialisiert. In Berlin- Köpenick ist vom Hauptsitz des VEB Funkwerk nichts mehr übrig geblieben. Dort, wo einmal 4 000 Menschen arbeiteten, steht heute ein Discounter.

Die Geräte trugen die Typbezeichnung UDS 721 U. Sie waren 10 kg schwer und erzielten eine Reichweite von mehr als 40 km. Die Stasi vergab die interne Kennung "Blaumeise 3".